Sonntag, 20. Mai 2012

Bahnhof

Der monströse Bahnhofstunnel von 2010 und die entsprechende Straßenführung keilen das repräsentative, im Jahre 1872 im Stil des Historismus erbaute Empfangsgebäude ein. Der gesamte Vorplatzbereich harmoniert nicht mit dem wertvollen historischen Gebäude.



Am rechten Bildrand befindet sich das Bahnhofshotel Steuding. Es steht sehr nahe an der ehemaligen Bahnhofstraße, die hier nur noch ein schmaler Fußweg ist, und nimmt die Sicht auf den südlichen Teil des Bahnhofskomplexes mit dem historischen ehemaligen Postgebäude. Auf der linken Seite ist dagegen durch die neue Straßenführung zum Tunnel und den neuen Parkplatz alles frei. Dadurch entsteht ein Eindruck von Asymmetrie und Ungleichgewicht, an dem nun kaum noch etwas geändert werden kann.



Nur aus dieser Perspektive von der Bahnhofstraße aus gesehen wirkt die Anlage halbwegs ansprechend, weil man von hier aus das durch den Bau des Tunnels entstandene Ungleichgewicht nicht sieht. Der Fußweg hinter dem Verkehrskreisel müßte eigentlich die gleiche Breite haben, wie die Bahnhofstraße, und die Allee müßte sich lückenlos fortsetzen. Die Blumeninsel, die sich jetzt auf dem Parkplatz vor dem Nordflügel des Gebäudes befindet (im Bild nicht zu sehen), gehört eigentlich in die Mitte vor den Haupteingang (ohne sichtversperrenden Baum und nicht erhöht, versteht sich).  



Der Bahnhofstunnel von der Ostseite aus gesehen. Ein großer Teil der ursprünglichen Gleisanlagen wurde rückgebaut.




Trotz des neuen Bahnhofstunnels mit Zugang zu den Gleisen ist immer noch die alte, häßliche Fußgängerbrücke zu den Gleisen 2 und 3 vorhanden. Dieser Anblick ist der erste Eindruck, den Besucher von Diepholz bekommen. Die Brücke ist zudem gesperrt und kann noch nicht einmal benutzt werden. Wenn Reisende aus Richtung Osnabrück statt dessen auf dem Bahnsteig die Treppe herunter in die Bahnsteig-Unterführung gehen, stehen sie plötzlich im Bahnhofstunnel an der Straße nach Diepholz-Ost, was viele Ortsunkundige sicher mächtig irritiert. 



Der Bahnhof ist für jede Stadt eine Visitenkarte, Eingangstor und wichtige Werbeplattform. Hier nehmen Gäste den ersten Kontakt mit der Stadt auf und bekommen einen ersten, vielleicht prägenden Eindruck von ihr. Deshalb sollten Bahnhof und Bahnhofsvorplatz mit besonderer Sorgfalt und Professionalität geplant und gestaltet werden. Diepholz hat das Glück, daß sein Bahnhofsgebäude ein historischer und denkmalgeschützter, repräsentativer Prachtbau ist. Leider harmoniert das Umfeld durch den im Jahre 2010 gebauten sogenannten "Bahnhofstunnel" (Verkehrsanbindung von Diepholz-Ost an die Bahnhofstraße) nicht mehr mit dem Bahnhof. Durch den Verkehrskreisel und die monströse Unterführung wirkt der Vorplatz, der nun ein Parkplatz ist, asymmetrisch und von der Bahnhofstraße abgetrennt. Die Gestaltung wird dem historischen Gebäude nicht gerecht. Für Änderungen ist es nun zu spät. Die Unterführung dient gleichzeitig als Zugang zu den Bahnsteigen, gewährleistet aber dennoch keine Barrierefreiheit, denn es wurde nur ein Fahrstuhl an den Gleisen 2 und 3 eingebaut. An Gleis 1 müssen die Reisenden in jedem Fall die Treppe hochsteigen oder den sehr langen Umweg mit Steigung die Straße entlang nehmen. Für diesen mißratenen und viel zu teuren Bahnhofstunnel gab es Alternativen, die aber von der Ratsmehrheit vom Tisch gefegt wurden. Beispielsweise hätte man südlich des Bahnhofs am Nährweg die Über- oder Unterführung errichten können. Die Anbindung von Diepholz-Ost wäre dann nicht über die Bahnhofstraße, sondern über die damals geplante Südtangente erfolgt. Als Zugänge zu den Gleisen hätte man eine neue, moderne Fußgängerbrücke auf den Bahnsteigen mit Fahrstühlen errichten können. Damit hätte man sowohl Barrierefreiheit als auch freie Planungsmöglichkeiten für einen ästhetisch ansprechenden, symmetrischen Bahnhofsvorplatz gehabt. Bereits 1982 hatte sich eine Bürgerversammlung für eine solche Unterführung am Nährweg ausgesprochen. 1986 ließ die Stadt ein unabhängiges Gutachten über die Südtangente erstellen. Das Gutachten stellte 11 Varianten (!) vor und empfahl eine Variante mit Südtangente und Unterführung für Radfahrer und Fußgänger am Nährweg. Diese lehnte der Rat im Jahre 1988 jedoch ab. Noch 1992 gab es verschiedene Planungsvarianten für einen Tunnel: Etwa nördlich des Bahnhofs oder am Nährweg nur ein Rad- und Fußgängertunnel, wobei die Kfz über die vorhandene Überführung der Hindenburgstraße (ehemals B 214) fahren. Eine weitere Variante war ein Rad- und Fußgängertunnel am Nährweg in Verbindung mit einer neuen Überführung für Kfz südlich der Südtangente. Der Rat enschied sich jedoch für die nun realisierte Variante mit Unterführung für Radfahrer, Fußgänger und Kfz direkt an der Nordseite des Bahnhof mit gleichzeitigem Zugangang zu den Gleisen. (Quelle: Masterthesis Bahnhofstraße). In meinen Augen ist dieser realisierte Bahnhofstunnel die schlechteste Lösung.


Detail am Empfangsgebäude über dem Haupteingang



Detail am Nordflügel des Empfangsgebäudes




Detail des ehemaligen, heute leerstehenden Postgebäudes neben dem Empfangsgebäude. 



Detail am ehemaligen Postgebäude


Auch im Innern des Bahnhofsgebäudes gäbe es viel zu verbessern, damit das Gebäude seiner Funktion als Eingangstor, Werbeplattform und Aufenthalts- und Begegnungsort besser gerecht wird. Allerdings befindet sich das Gebäude im Eigentum der seit 1994 privatwirtschaftlich agierenden DB AG, weshalb die Stadt keinen Einfluß darauf hat. Die Stadt (damit die Öffentlichkeit) müßte, wenn sie das Innere umgestalten wollte, das Gebäude kaufen und somit erstmal in öffentliches Eigentum zurückführen. Für eine Umgestaltung im Interesse der Reisenden, der Bürger der Stadt Diepholz und ihrer Gäste möchte ich hier ein paar Vorschläge machen. Derzeit wird die halbe Halle von einer völlig überdimensionierten Bahnhofsbuchhandlung belegt. Für die Reisenden bleibt eine Art schlauchförmiger Bereich, an dem sich auf einer Seite das durch eine Glastür abgetrennte Reisecenter befindet. Der Südflügel des Empfangsgebäudes ist für Reisende unzugänglich. Das historisch wertvolle ehemalige Postgebäude steht leer und verfällt. Im Nordflügel des Empfangsgebäudes befindet sich die - von der Halle aus unzugängliche - Bahnhofsgaststätte. Diese ist jedoch für Reisende völlig ungeeignet. Es handelt sich um eine Raucherkneipe mit scheinbar ausschließlicher Stammkundschaft; der Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren ist verboten, und wenn man an der Kneipe vorbeigeht und die Geräusche hört, traut man sich dort ohnehin nicht hinein. Folgendes müßte meiner Meinung nach verändert werden: Die Bahnhofsbuchhandlung sollte in den Südflügel des Gebäudes, neben oder hinter das Reisecenter (auch ein Umzug ist das ehemalige Postgebäude wäre denkbar), damit eine große Halle entsteht. Die Bahnhofskneipe sollte ein anderer Pächter übernehmen, der ein richtiges, stil- und geschmackvolles Bahnhofsbistro sowohl für Reisende als auch für Gäste aus dem Ort einrichtet. Die Trennwand zwischen Bahnhofsbistro und Halle sollte, soweit das aus baustatischen Gründen möglich ist, weitgehend durchbrochen werden, so daß das Bistro optisch Teil der Halle wird. Das unmittelbar südlich an das Empfangsgebäude anschließende historische, ehemalige Postgebäude, könnte - wie oben erwähnt - als Bahnhofsbuchhandlung oder einer anderen, zum Bahnhof passenden Nutzung (unpassende Nutzung ist zu vermeiden) dienen, etwa als Reisebüro oder als VBN-Niederlassung (der ZOB ist ja in unmittelbarer Nähe).  


Wenn man vom Vorplatz in das Empfangsgebäude kommt, bietet sich dieses Bild. Die riesige Bahnhofsbuchhandlung nimmt die halbe Halle ein. Das was noch von ihr übrig ist, befindet sich rechts davon.



Die Halle ist nur noch eine Art von schmalem Flur. Links (knapp nicht mehr im Bild) befindet sich die Bahnhofsbuchhandlung, und rechts hinter der Glastür das Reisecenter.



Sehr rauh: die Bahnhofskneipe im Nordflügel


Hinsichtlich des Eisenbahnverkehrs sollte sich die Stadt um mehr InterCity-Halte bemühen (was allerdings bereits geschehen sein soll, aber die Stadt kann bei der privatisierten DB AG nur als ein Bittsteller auftreten), denn derzeit halten nur sehr wenige InterCity-Züge, und diese ausschließlich in den frühen Morgen- und späten Abendstunden. Tagsüber müssen alle Fernreisenden mit dem Bummelzug fahren und in Bremen bzw. Osnabrück umsteigen, was nicht nur unbequem ist, sondern auch viel Zeit kostet. Desweiteren sollte sich die Stadt für die Wiederinbetriebnahme des Schienen-Personennahverkehrs in Richtung Sulingen/Nienburg einsetzen und - wie die Stadt Rahden - eventuell sogar Mitglied im "Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bassum-Bünde" (AEBB) werden, das sich mit Unterstützung des Verkehrsclub Deutschland (VCD) für die Wiederinbetriebnahme der Eisenbahnstrecken des Sulinger Kreuzes engagiert. Von einer Bahnverbindung nach Sulingen/Nienburg (mit Anschluß nach Hannover) könnten die Diepholzer und ihr Bahnhof sehr profitieren.



Hieran hängen nur noch ein paar Erinnerungen: Die Reste des stillgelegten Güterbahnhofs Diepholz.


Nicht nur der Bahnhof, sondern auch die Eisenbahnstrecke ist historisch. Sie wurde von 1870 bis 1874 als "Hamburg-Venloer Eisenbahn" erbaut und war ursprünglich als transnationale Strecke von Hamburg nach Paris vorgesehen. Realisiert wurde nur die Strecke von Hamburg bis Venlo. Ein Weiterbau erübrigte sich, nachdem auf holländischer und belgischer Seite entsprechende Anschlußstrecken fertiggestellt waren. Interessant ist, daß die Strecke Hamburg-Venlo aus militärstrategischen Günden über Haltern und Wesel nordwestlich am Ruhrgebiet  vorbeigeführt wurde. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde dieser Streckenabschnitt für den internationalen Fernverkehr nicht mehr genutzt, dieser statt dessen ausschließlich über das Ruhrgebiet und Köln geführt. Heute ist die alte Umfahrung größtenteils stillgelegt und gar nicht mehr vorhanden. Ihre eigentliche Bedeutung hatte die Hamburg-Venloer Bahn von Anfang an als Anbindung des Ruhrgebietes an die Seehäfen Bremen und Hamburg. Näheres über die Geschichte der Strecke unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Hamburg-Venloer_Bahn 

1 Kommentar:

  1. Aktualisierung: Im Winter 2014/15 hat die DB-AG den Diepholzer Bahnhof samt Nebengebäude (ehem. Postgebäude) versteigert. Die Stadt Diepholz hat nicht mitgeboten, behielt aber das Vorkaufsrecht. Die Stadt hat schließlich weder das Empfangsdebäude noch das Nebengebäude gekauft! Sie gingen an Privatpersonen. Die Chance einer Kommunalisierung ehemals öffentlichen Eigentums, das durch die DB-Privatisierung der Öffentlichkeit faktisch enteignet worden ist, wurde somit vertan. Da das Bahnhofsgebäude noch nicht entwidmet ist, wird es allerdings bis auf weiteres als Empfangsgebäude weitergenutzt. Die Bahn muß dem neuen Eigentümer dafür Miete zahlen. Ob auf lange Sicht nicht doch eine Entwidmung stattfindet, kann niemand vorhersagen. Die Stadt (damit die Öffentlichkeit) hat jedenfalls keinen Einfluß auf den Bahnhof, da dieser Privateigentum ist. Das gegenüber liegende ehemalige Bahnhofshotel hat die Stadt hingegen gekauft und plant dessen Abriß, um den Bahnhofsvorplatz mit Parkplätzen zu vergrößern.

    AntwortenLöschen