Freitag, 11. Mai 2012

Bahnhofstraße

Das Bahnhofsgebäude wurde 1872 im Stil des Historismus errichtet. Es gehört heute zu den denkmalgeschützten Prachtbauten von Diepholz




Dieses ist der erste Blick, den Reisende auf die Bahnhofstraße und damit auf Diepholz haben, wenn sie aus dem Zug ausgestiegen sind und das Empfangsgebäude verlassen. Sofort fällt die Trennung von Vorplatz und Bahnhofstraße auf, die durch die Umgestaltung des Vorplatzes im Jahre 2011 verursacht wurde. Symmetrie, Ordnung und Einheitlichkeit haben verloren. Der derzeitige Zustand der Bahnhofstraße - die Visitenkarte der Stadt - wirkt verbesserungsbedürftig. Das Foto zeigt nur die Bahnhofstraße, nicht im Bild ist der halbrechts liegende, dilletantisch gemacht und unharmonisch wirkende neue Bahnhofsvorplatz mit dem Parkplatz.   


Anfang 2012 hat die Universität Osnabrück (Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur, Studiengang Landschaftsbau und Freiraumplanung) eine Master-Thesis mit einem neuen Planungskonzept für die Bahnhofstraße in Diepholz vorgelegt. Gleich im Vorwort wird darauf hingewiesen, daß die Bahnhofstraße als Verbindungsweg zwischen Bahnhof und Innenstadt die Funktion eines "Tores" oder eines "Vorplatzes" der Stadt hat und ihr damit eine besondere Rolle zukommt. In der Einleitung wird unter anderem die Geschichte des Bahnhofstunnels nochmal aufgerollt. Seine Bedeutung besteht darin, daß er die Bahnhofstraße auch zu einem direkten Verbindungsweg mit Diepholz-Ost macht. Der Text kritisiert den Tunnel zwar nicht, beschreibt aber alle Alternativen, die damals zum heute realisierten Bahnhofstunnel diskutiert wurden, er war also keinesfalls so alternativlos, wie er oft dargestellt wird. Der realisierte Bahnhofstunnel war meiner Meinung nach die ästhetisch und technisch schlechteste und teuerste Lösung. Aber das ist ein eigenes Thema.

Hinsichtlich der Bahnhofstraße ist wohl der markanteste und durch die Presse bekannt gewordene Vorschlag der Masterarbeit, die Parkbuchten für einen breiteren Gehweg verschwinden zu lassen und die Baumpflanzung zu ergänzen. Am momentanen Bild der Bahnhofstraße wird die schlechte Sicht der Achse zwischen City und Bahnhof bemängelt, die zu verbessern ist. Das Bild der Bebauung in der Bahnhofstraße ist uneinheitlich; es gibt viele historische Bauten, moderne Bauten, und zahlreiche "niedrig bewertete Gebäude", darunter versteht man Gebäude mit Leerstand, häßlicher Ansicht, schlechter Qualität und/oder unpassender Funktion, die abzureißen oder zu sanieren sind. Darüber, wie die Straßenansicht der Gebäudezeilen dann aussehen soll, macht die Arbeit keinen konkreten Vorschlag, sondern schlägt nur die "Einführung einer neuen Konzeption zur Verschönerung der Bahnhofstraße" vor. Ein besonders wichtiger Vorschlag ist, die uneinheitliche ("nicht nach einer Regel" erfolgte) Baumbepflanzug der Bahnhofstraße zu verbessern. Dieses ist durch ergänzende Neupflanzungen von Bäumen und ein einheitliches Heckenpflanzungskonzept zu realisieren. Das Chaos mit den unterschiedlichen teils häßlichen Verkehrs- und Hinweisschildern soll beseitigt werden. Dazu wird ein neues Konzept einer einheitlichen Beschilderung gefordert. Die Masterarbeit umfaßt 117 Seiten. Es ist zu hoffen, daß es nicht nur bei der vollmundigen Präsentation durch die Stadt bleibt, sondern daß sie tatsächlich in die Stadtplanung aufgenommen und rasch umgesetzt wird. Die komplette Masterarbeit können Sie hier als PDF abrufen: http://stadt-diepholz.eu/austausch/Masterthesis_Bahnhofstrasse.zip




Das längste geschlossene Ensemble historischer Häuser an der Bahnhofstraße: Vorne rechts ist das im Jahre 1913 im damals aufkommenden "Heimatschutzstil" erbaute Gebäude der Kreissparkasse zu sehen. Anfang der 1960er Jahre zog dort die Standortverwaltung ein. Mit dem Nutzerwechsel wurde die  Fassade schlichter gemacht, wodurch das historische Gebäude seine Schönheit einbüßte: der Eingang mit Treppe und Windfang auf der linken Seite, und das Rankgewächs auf der rechten Seite des Hauses, sowie die Fensterläden an der oberen Etage verschwanden. Hinter dem Sparkassengebäude befindet sich das ehemalige Fotogeschäft Petersen, eines der ältesten Häuser an der Bahnhofstraße. Dahinter folgen zwei sehr städtisch wirkende, neoklassizistische Villen, die für das Gesicht der Bahnhofstraße von großer Bedeutung sind. 



Die beiden neoklassizistischen Villen müßten um jeden Preis erhalten bleiben. Sie prägen seit rund 100 Jahren das Gesicht der Bahnhofstraße.



Das historische Gebäude vorne links ist raparatur- und restaurierungsbedürftig, sollte aber nicht abgerissen werden, denn hier zeigt sich ein harmonisches und interessantes Nebeneinander von alt und modern. Die beiden Neubauten dahinter sind gelungene Beispiele für eine neue, zum Gesicht der Bahnhofstraße passende moderne Architektur, was für die meisten anderen Neubauten nicht zutrifft. Sehr negativ fallen die Parkbuchten und die viel zu großen Abstände der Alleebäume auf.



Die Bahnhofstraße wurde 1873 als schnurgerader Verbindungsweg zwischen dem gleichzeitig fertiggstellten Bahnhof und der Innenstadt angelegt. Sogleich begann eine rege Bebauung mit einer teils recht städtisch wirkenden Architektur. Die Bahnhofstraße wurde bald mit Geschäften und Dienstleistern vor allem im westlichen Bereich ein Teil der Innenstadt. Dort wurden auch um 1900 die beiden Schulen und in den 1910er Jahren die Kreissparkasse errichtet. Ende der 1970er Jahre fällte man die alten Alleebäume um die bis dahin relativ schmale Kopfsteinpflaster-Straße zu verbreitern und mit einer Asphaltdecke und Parkbuchten zu versehen. Man pflanzte damals zwar neue Alleebäume, diese allerdings in viel zu großen und unregelmäßigen Abständen. Die historische Bebauung wurde im Lauf der Zeit durch moderne, teils unpassende und unschöne Neubauten unterbrochen, so daß die Bahnhofstraße heute ein uneinheitliches Bild bietet, das es im Rahmen einer Sanierung zu verbessern gilt. Zu zwei besonderen historischen Bauten an der Bahnhofstraße  - die "Stadtvilla" und das (vermutlich) ehemalige Bahnbeamtenwohnhaus - siehe die separate Seite: http://www.otwin-skrotzki.blogspot.de/2012/05/diepholz-drei-historische-bauten.html



Die beiden historischen Schulgebäude an der Bahnhofstraße sind sehenswerte architektonische Dokumente des preußisch-deutschen Kaiserreiches. Die Lübkemannschule (Foto) wurde im Jahre 1895 in einem relativ schlichten, preußischen Historismus als erster Großbau einer Volksschule in Diepholz erbaut. Hinter dem Hauptgebäude entstand 1904 auch eine Turnhalle, die hinsichtlich ihres Baustils an eine Exerzierhalle des preußischen Militärs erinnert. Heute ist das Schulgebäude ein Jungendfreizeitzentrum, die Turnhalle eine Tanzschule.  


Detail an der Lübkemannschule: Renaissance-Elemente mit gotischen Ornamenten.



Das zweite historische Schulgebäude an der Bahnhofstraße ist die ehemalige Realschule. Sie ist in der preußischen Neogotik ausgeführt, in der man damals vielfach auch Kasernen und Behörden baute. Der Stil war eine Machtdemonstration des autoritären Obrigkeitsstaates und wirkte einschüchternd und respekteinflößend. Heute befindet sich in dem Realschulgebäude die Volkshochschule. 
  


Neogotisches Detail an der Realschule. Die Ornamente befinden sich am Giebel über dem ehemaligen Musikraum der Schule.


Warum ist Denkmalschutz und die Erhaltung historischer Bausubstanz so wichtig? Historische Bauten informieren uns nicht nur über die Vergangenheit und das Leben unserer Vorfahren und machen dieses sinnlich erfahrbar, sondern sie sind auch ein Kulturerbe. Für diese Erbe des von uns vorangegangenen Generationen Geschaffenen tragen wir Verantwortung auch für kommende Generationen. Wenn wir die alten Gemäuer erhalten, restaurieren und heute neu und zeitgemäß nutzen, werden wir darin unserer Wurzeln und der Entwicklung bewußt, die zu dem geführt hat, was wir heute sind und haben. Das vermittelt sowohl ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit, als auch für den Strom der Zeit und die Entwicklung der menschlichen Kultur. Es ist ein wichtiges Stück Lebensqualität.

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