Sonntag, 13. Mai 2012

Hindenburgstraße

Die Hindenburgstraße nimmt am Bremer Eck ihren Anfang und fürt von dort in Richtung Osten. Die Umgestaltung des Bremer Eck aus dem Jahre 2010 mit dem Verkehrskreisel und dem Rankgerüst ist hundertprozentig gelungen.



Dieses mächtige Fachwerk-Stadthaus nahe dem Bremer Eck ist nicht so alt wie es den Anschein hat, sondern stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es ist also eine Form des Historismus. Das Gebäude ist für die Hindenburgstraße allerdings untypisch.



Diese Ansicht ist eher typisch für die Hindenburgstraße: niedrige Bauten hinter alten, aber niedrigen Bäumen. Alles wirkt ziemlich "flach". Das Bild zeigt die Straße in Richtung Westen gesehen, im Hintergrund das Bremer Eck.


Neben "Auf dem Esch" ist die "Hindenburgstraße" hinsichtlich eines sauberen, harmonischen und ansprechenden Stadtbildes eine weitere Problemzone. Auch hier handelt es sich um eine Ausfallstraße, nämlich die in Richtung Nienburg/Hannover. Gäste, welche aus Richtung Nienburg kommen, erhalten auf der Hindenburgstraße ihren ersten Eindruck von Diepholz. Damit hat die Straße Visitenkartencharakter. Die Bebauung ist jedoch sehr uneinheitlich. Neben einigen historischen Bauten - allerdings keinen sehr alten, was auf die Geschichte der Straße zurückzuführen ist - gibt es Gebäude von geringem Wert und auch einigen Gammel. Auch die Baumbepflanzung an der Hindenburgstraße ist uneinheitlich. Eine komplette Sanierung der Hindenburgstraße dürfte aber kaum möglich sein, allenfalls könnte man ein wenig aufräumen und die Baumbepflanzung etwas mehr vereinheitlichen, was allerdings wegen der teils recht alten Bäume nur sehr begrenzt möglich wäre.



Das Graf-Friedrich-Gymnasium an der Hindenburgstraße wurde 1925 als Erweiterung der 1885 erbauten Präparandenanstalt erbaut. Entsprechend findet sich hier stilistisch ein interessanter Übergang vom Historismus zum Anfang der 20er Jahre aufkommenden "Heimatschutzstil", der eine Gegenbewegung sowohl zum Historismus als auch zum Bauhaus war. Der schloßartige, noch neoklassizistische Portikus geht auf die Präparandenanstalt zuruck. Er wurde aber mit Elementen der 20er Jahre verändert. In den 1980er Jahren zog das Graf-Friedrich-Gymnasium in das neue Schulzentrum an der Thouarsstraße um. Das Gebäude an der Hindenburgstraße wurde in "Dr.-Wilhelm-Kinghorst-Schule" umbenannt und ist heute eine Grund- unf Förderschule.   



Der Haupteingang des 1926 erbauten Ostflügels des Graf-Friedrich -Gymnasiums ist ein nahezu exemplarisches Beispiel für den "Heimatschutzstil" der 1920er Jahre.



Wohnhäuser aus den 1920er oder 30er Jahren östlich des ehemaligen Graf-Friedrich-Gymnasiums.


Der ursprüngliche Weg von Diepholz in Richtung Nienburg verlief über den Kohlhöfen, Philosophenweg, Kapellenweg, weiter über St.Hülfe, Wetscherhardt, Wetschen und Rehden. Der Bereich zwischen Groweg und Wetschen war damals noch mooriges Gebiet. Auf der topografischen Karte von 1773 sind diese Verhältnisse deutlich zu erkennen. Die heutige Hindenburgstraße war lediglich ein aufgeschütteter unbefestigter, nur nahe des Bremer Eck bebauter Damm, der von Diepholz zu den Fladderwiesen im Bereich Groweg und über den Triftweg ins Bruch führte. Weil über diesen Damm von Diepholz die Kühe ins Fladder und ins Bruch getrieben wurden, nannte man den Weg "Kuhdamm". Wann der Ausbau des Kuhdamm als Fernverkehrsstraße mit Durchstich über Groweg nach Wetschen erfolgte, ist mir nicht bekannt, mit Sicherheit war dies aber im 19. Jahrhundert. Auf der topografischen Karte von 1899 ist er jedenfalls schon vorhanden. Im Jahre 1874 wurde der Kuhdamm in "Wilhelmstraße" umbenannt, und 1933 schließlich in "Hindenburgstraße". Die Hindenburgstraße wurde Teil der Fernverkehrsstraße von Lingen nach Celle, die spätere B 214. Seit der Fertigstellung der Ortsumgehung von Diepholz im Jahre 2008 ist sie nur noch eine Stadtstraße mit Funktion als Ausfallstraße.



Das zweifellos wertvollste historische Gebäude an der Hindenburgstraße ist das sogenannte "Niedersachsenhaus", eine nahezu stilreine Jugendstilvilla, die 1906 ein reicher Diepholzer Kaufmann erbauen ließ. Ab 1924 diente sie als Dienstsitz des Landrates, dann des Oberkreisdirektors, dann wieder des Landrates. Heute befinden sich nur noch die Repräsentations- und Konferenzräume des Landrates, sowie die Feuerwehr-Leitzentrale in dem Gebäude. Ich nenne es gerne "Landratsamt" obwohl diese Bezeichnung nicht ganz zutrifft.  



Das Kreiskrankenhaus an der Hindenburgstraße wurde 1927/29, der Seitenflügel 1936  erbaut. Stilistisch kann es auch dem "Heimatschutzstil" zugeordnet werden. Der ursprüngliche Stil ist aber wegen der Modernisierungen nur noch schwer zu erkennen. Von der Hindenburgstraße aus ist das Gebäude wegen einer hohen Hecke kaum zu sehen. Das Kreiskrankenhaus ist heute privatisiert und gehört zum St--Ansgar-Klinikverbund.



Die Lokomotivenfabrik SCHÖMA an der Hindenburgstraße wurde 1930 als Abspaltung von der mittlerweile pleite gegangenen DIEMA gegründet.


Dringend geboten wäre eine Umbenennung der Hindenburgstraße, denn die Benennung einer Straße nach Paul von Hindenburg entpricht nicht dem Geschichtsverständnis eines modernen demokratischen Staates. 1932 ernannte Hindenburg Franz von Papen als Vertreter der stärksten Fraktion (nicht der Mehrheit) zum Reichskanzler. Papen verhandelte mit Hitler über die Bildung eines gemeinsamen Kabinetts. Dem Kabinett Papen gehörten fast ausschließlich Adelige und ehemalige Offiziere an. Am 30.01.1933 setzte Hindenburg per "Notverordnung" ohne Wahlen das gemeinsame Kabinett Hitler/Papen mit Hitler als Reichskanzler ein. Als Reaktion auf den Reichstagsbrand vom 27.02.1933 setzte Hindenburg mit seiner berüchtigten "Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat" elementare Grundrechte außer Kraft. Auf dieser Grundlage überzog Hitler das Land mit Terror und ließ die ersten Konzentrationslager zur Inhaftierung politischer Gegner errichten. Durch die Ausschaltung der Opposition und der Pressefreiheit aufgrund Hindenburgs "Notverordnung" gelang es Hitler schließlich, die Reichstagswahlen von 1933 zu gewinnen. Hindenburg war somit der "Steigbügelhalter Hitlers". Die Hindenburgstraße sollte deshalb umgehend umbenannt werden. Beispielweise wurde auch in Münster im Jahre 2012 der Hindenburgplatz in Schloßplatz umbenannt. In dem Entschließungsantrag von Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) heißt es: "Hindenburg steht persönlich und unmittelbar im Verhängnis historischer Entscheidungen, die zu unermesslichem Leid und Elend geführt haben. Er kann kein politisches Vorbild sein. Ihm gebührt keine öffentliche Ehrung." Eine Abstimmung im Diepholzer Stadtrat über die Umbenennung der Hindenburgstraße wäre auch deshalb aufschlußreich, weil dabei die Ratsherren aller Parteien hinsichtlich ihres Geschichtsverständnisses Farbe bekennen müßten.


1 Kommentar:

  1. Die im Text geforderte Abstimmung im Diepholzer Stadtrat über die Umbenennung der Hindenburgstraße hat im Juni 2014 tatsächlich stattgefunden. Die Fraktion der Grünen hatte einen Antrag auf Umbenennung der Hindenburgstraße in Wilhelm-Heile-Straße gestellt. Der Antrag wurde bereits im Ausschuß für Stadtentwicklung, Planung und Umwelt mit der Mehrheit aus CDU und FDP abgeschmettert, ebenso im Stadtrat. Ende Juni 2014 gab es dann noch einen Antrag der SPD auf eine Bürgerbeteiligung (Bürgerbefragung) hinsichtlich der von den Grünen geforderten Umbenennung. Auch dieser Antrag wurde mit der Mehrheit aus CDU und FDP (mit teils abstrusen Begründungen) abgelehnt

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